Von Rachel Fey

Diese Woche wird mein Opa 100 Jahre alt.

Hundert Jahre! Ein ganzes Jahrhundert, in dem die Welt sich mehrfach von Grund auf verändert hat. Und er mittendrin, mit einem Lebensweg, der immer wieder neue Wendungen nahm, wie jeder Lebensweg.

Vor zehn Jahren habe ich mich mit einem Aufnahmegerät zu ihm gesetzt. Drei Tage lang. Fünfzehn Stunden Audioaufnahme nahm ich danach mit nach Hause. Damals war ich noch keine Biografin, nur eine Enkelin, die alles wissen wollte, die verstehen wollte, wer dieser Mensch wirklich ist. Ich wollte die Geschichten hören, die er mir früher schon erzählt hatte, aber diesmal so, dass ich sie festhalten konnte. Aber plötzlich kam viel, viel mehr.

Dass ich zwei Jahre später beschließen würde, Biografin zu werden, ahnte ich nicht, aber ich spürte, dass das, was hier am Esstisch meines Opas passierte, etwas Besonderes war.

Was passiert, wenn man wirklich fragt

Ein Leben, das hundert Jahre umspannt, steckt voller Neuanfänge. Manche selbst gewählt, vielleicht sogar heiß ersehnt, in andere hineingezwängt. Krieg, Verlust, eine neue Stadt, eine neue Rolle, ein neues Jahrzehnt, das plötzlich andere Regeln hatte als das vorige. Ein neuer Job, eine neue Liebe, eine neue Erkenntnis, ein neues Hobby.

Mein Opa hat viel erzählt in diesen drei Tagen. Viel mehr, als ich erwartet hatte. Manches kannte ich, vieles noch nicht. Irgendwann am zweiten Tag, hielt er inne, schaute mich an und sagte mit wackeliger Stimme: „Das habe ich noch nie jemandem erzählt.“
Danach wirkte er erleichtert. Als hätte er etwas abgelegt, das er jahrzehntelang mit sich getragen hatte.

Ich saß ihm gegenüber und dachte: Genau das ist es.
Für mich als Enkelin ging es darum, seine Geschichte zu bewahren. Für ihn war in diesem Moment etwas ganz anderes wichtig. Nicht das Aufschreiben, nicht das fertige Buch, sondern dieser Moment, in dem er seine Geschichte mit mir teilen durfte. Vielleicht spürte er: Sie hört mir zu, und alles, was ich erlebt habe, was ich gedacht habe und heute darüber denke, darf sein.

Diesen Moment kann kein Tool der Welt ersetzen. Er entsteht zwischen zwei Menschen.

Wie ich Biografin geworden bin

Die drei Tage mit meinem Opa haben mir eine Richtung gegeben. Nicht sofort, es hat noch ein paar Jahre gedauert, bis aus der Erkenntnis ein Beruf wurde. Aber hier an diesem Esstisch wurde alles konkret.

Lebensgeschichten verschwinden nicht dramatisch mit einem lauten Knall, sondern still. Weil niemand gefragt hat.
Ich war die erste in unserer Familie, die meinem Opa ihre Fragen gestellt hat. Und vielleicht bin ich auch die Einzige, die fragen und zuhören konnte, denn Familien sind kompliziert. Manchmal braucht es jemanden von außen, jemanden ohne die blinden Flecken der Familie, ohne das unausgesprochene Wissen darüber, was man besser nicht anspricht. Jemanden, der einfach fragt und zuhört, ohne selbst Teil der Geschichte zu sein.
Und Zeit ist auch immer knapp. Man denkt, man macht das noch, irgendwann.
Irgendwann kommt manchmal aber gar nicht.

Ich leihe seit sieben Jahren Menschen und ihren Geschichten mein Ohr (und mein Schreibtalent). Und mein Opa war der Erste, aber nicht der nicht der Letzte, der vor mir etwas ausgesprochen hat, was vorher nie Raum hatte.

Neuanfänge

Neuanfänge ziehen sich durch jede Lebensgeschichte, mit der ich arbeite. Durch die meines Opas mit seinen hundert Jahren ganz besonders. Vor drei Wochen habe ich meinen ersten Online-Workshop gegeben: autobiografisches Schreiben rund um genau dieses Thema. Die Frauen, die dabei waren, hatten ihre eigenen Brüche und Wendepunkte mitgebracht. Wie gehen wir damit um? Ein Rückblick lohnt sich (nicht erst zum hundertsten Geburtstag!).

Was bleibt

„Das habe ich noch nie jemandem erzählt”, sagte mein Opa vor zehn Jahren.

Ich denke oft daran, wie viele Menschen diesen Satz noch in sich tragen. Vielleicht jemand in deiner Familie. Vielleicht deine Mutter, dein Vater, eine Großmutter.
Es ist nie zu früh, zu fragen, nur manchmal zu spät.

* Das Beitragsbild ist KI-generiert
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Rachel Fey ist Biografin und Schreibmentorin in Hamburg. Unter www.biografiestudio.de begleitet sie Menschen dabei, Lebensgeschichten festzuhalten – die eigenen und die ihrer Angehörigen.