Der Gruß auf dem Jakobsweg lautet: „Buen Camino!“ Die Pilgernden wünschen sich untereinander einen guten Weg.
Als ich Anfang Mai losging, dachte ich, damit sei vor allem die Strecke unter den Füßen gemeint: genügend Kraft zu haben, keine Blasen, hilfreiches Wetter. Über den Gruß stellte sich eine Verbundenheit unter uns her; wir wanderten alle dem gleichen Ziel, Santiago de Compostela, entgegen und hatten den gleichen Weg vor uns. Dachte ich. Doch je länger ich unterwegs war, desto mehr veränderte sich die Bedeutung für mich; die des Weges und die des Grußes.
Ich ging den Jakobsweg privat und gleichzeitig als Biografin, das lässt sich nicht trennen. Vielleicht konnte ich deshalb nicht anders, als den Geschichten der Menschen zuzuhören, sie „aufzulesen“, am Wegesrand, in der Pause im Café, beim zufälligen gemeinsamen Wandern – wenn mir ein kurzer Einblick in ein anderes Leben gewährt wurde während eines zufälligen gemeinsamen Streckenabschnitts.
Da war Robert, der nach dem Tod seines Vaters erst einmal so weitergemacht hatte, als sei nichts passiert, bis er merkte, dass er „bald mental platzen würde“, seinen Anteil eines Restaurants verkaufte, sich in den Zug setzte und seit mittlerweile 14 Monaten auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Es sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, sagt er. Francesco aus Italien hatte die Trennung von seiner Lebensgefährtin, den Verlust seines Jobs und seiner Wohnung zu verarbeiten und suchte nach einer Eingebung. Auch Caroline hatte Dinge zu sortieren, die sie nur andeutete; ich hatte leider nicht die Zeit, um genauer zu fragen. Dabei hätte ich es so gerne erfahren! Ich hätte so gerne gewusst, warum die Menschen losgegangen waren, warum allein oder mit denen, die sie begleiteten.
Am liebsten hätte ich einen kleinen Tisch unter einem schattigen Baum aufgestellt. Mit einem handgeschriebenen Schild darauf: „Erzähl mir deine Geschichte.“ Ich glaube, viele hätten sich gesetzt. Und ich hätte ein großes, farbenreiches Bild mit einzigartigen Lebens-Wegen geschenkt bekommen. Mit geraden Linien darauf, Umwegen, Verschüttungen oder Sackgassen, Linien von Verlaufen, Ankommen oder Weitersuchen.

Auch meine eigene Reise verlief nicht wie geplant. Wegen eines Knieproblems musste ich manche Strecken mit dem Bus oder dem Zug zurücklegen. Anfangs fühlte sich das wie ein Scheitern an. Als würde ich den Weg nicht „richtig“ gehen. Aber irgendwann begriff ich: Auch das gehört zum Camino. Es gibt nicht nur die eine „richtige“ Art, weiterzugehen. Manchmal bedeutet es, Hilfe anzunehmen. Manchmal bedeutet es, einen Abschnitt auszulassen, um überhaupt voranzukommen. Und manchmal führt gerade das Ungeplante zu den wichtigsten Begegnungen.
Vielleicht ist das am Ende die tiefere Bedeutung von „Buen Camino“: Ich wünsche dir einen Weg, der dir zeigt, was dir wichtig ist, der dir ein Spiegel sein kann, Erkenntnisse schenkt und zu deinem Leben passt. Nicht den perfekten Weg. Nicht den geraden Weg. Sondern deinen.


Wie schön beschrieben: Nicht der perfekte Weg macht eine Reise wertvoll, sondern der eigene. Mich berührt die tiefere Bedeutung von „Buen Camino“ als Wunsch für den eigenen Weg. Denn jede Lebensgeschichte folgt ihrer eigenen Spur, und manchmal lohnt es sich, innezuhalten und zu entdecken, wie all die einzelnen Schritte zusammengehören.