„Wir tanzen zum Lachen, wir tanzen für die Tränen, wir tanzen für Wahnsinn, wir tanzen für Ängste, wir tanzen für Hoffnungen, wir tanzen für Schreie, wir sind die Tänzer, wir schaffen die Träume.“
(unbekannte Quelle)
Vom Tanzen wollte mir die nette alte Dame erzählen, als ich als Redakteurin zu ihr kam. Ich hatte dagegen den Auftrag, sie zum Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ im Januar 1945 zu befragen. Ein Jahrestag stand an und diese Dame zählte damals zu den wenigen Überlebenden der Katastrophe; ihr Säugling und ihr Mann waren in der eiskalten See ertrunken. Noch einmal wies sie auf ein Bild vom Tango, auf dem sie eine gute Figur machte: „Wir tanzen für die Tränen, wir tanzen für Schreie, wir schaffen Träume …“ Ich dagegen sollte eine Seite füllen mit ihrem Lebenstrauma. „Wir tanzen für den Wahnsinn …“ Schließlich setzte ich mich durch. Und nahm nie wieder einen solchen Auftrag an.
Schreiben, was erzählt werden will
Die Begegnung ist lange her, aber ich kann sie nicht vergessen. Heute bin ich froh, Biografin zu sein und nicht mehr Redakteurin! Ich folge keinem eigenen Skript mehr, sondern ich berge die Geschichten, die erzählt werden wollen.
Warum nicht mit dem Tanzen beginnen! Es zählt vermutlich zu den ältesten menschlichen Ausdrucksformen. Die Bewegung zur Musik wirkt weit tiefer, als es unser Verstand je vermögen wird. Menschen tanzen in mystischer Verehrung, sie tanzen sich in Ekstase oder sie finden Ruhe und Gleichgewicht in sich selbst, indem sie tanzen.
Besonders in Zeiten starker Emotionen kann tanzen eine Möglichkeit bieten, das Innerste sichtbar zu machen, sich selbst zu spüren und Gefühle auszudrücken, ohne Worte dafür finden zu müssen.
Biografische Erzählungen ums Tanzen
Ums Tanzen ranken sich viele biografische Erzählungen, die wichtig geworden sind: Die Aufregung der Tanzstunde, die ritualisierte Erlaubnis, sich nahezukommen, sich berühren zu lassen. Aber auch die Enttäuschung, nicht aufgefordert zu werden, als „Mauerblümchen“ unbeachtet am Rand zu sitzen. Wann kriegen Frauen endlich auch beim Tanz das Wahlrecht?
Tanzen kann impulsiv und zügellos sein, die Sinne betäubt, die Tänzer vor allem Körper, die sich selbst zu vergessen suchen: „You’ve gotta dance like there’s nobody watching.“ Was waren deine wildesten Tanzerlebnisse?
Leichtigkeit und Überschwang zeigen sich im sprichwörtlichen „Freudentänzchen“, das wir aufführen als Ausdruck größten Glücks. Wann hat es dich zuletzt vom Stuhl gerissen vor Freude?
Tanzen verbindet, sofern du die Schritte kennst. Dann kannst du dich einreihen in den Linedance, den Folkloretanz oder das „Random Dance“-Event. Dann zählst du zur Gemeinschaft. Oder du kannst dich an die Schrittfolge nicht mehr erinnern, stolperst über deine eigenen Füße und gerätst völlig aus dem Takt. Nicht jeder hat den rechten Rhythmus im Blut. Erzähle vom Stolpern, von der eigenen Taktlosigkeit – und vielleicht davon, wie gerade das dich in Kontakt mit jemand anderem gebracht hat.
Schließlich kann man anderen auf der Nase herumtanzen oder nach eines anderen Pfeife tanzen; nur auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen kann man nicht!
Kurzum: Tanzen bietet viel, worüber sich launig biografisch schreiben oder erzählen lässt. Über Gefühl und Takt, Führen und Geführtwerden, das Warten und Auffordern oder den Rhythmus, bei dem man einfach mit muss! Nimm dir einen Stift und schreib Geschichte.
Was für ein berührender, ehrlicher und zugleich kraftvoller Text. Der Perspektivwechsel berührt mich besonders: weg vom „externen Auftrag“ hin zu dem, was wirklich erzählt werden will. Darin zeigt sich für mich der Kern guter Biografiearbeit.
Und Tanzen … ein herrliches Thema! So viel Leben, Gefühl und Erinnerung steckt darin. Das nehme ich direkt als Impuls mit für eines meiner nächsten Erzählcafés – und freue mich schon auf lebendige, überraschende und vielleicht auch leise Anekdoten.
Danke für diese schöne Inspiration.